Herr Hirschfelder

Was hat Weihnachten mit Essen zu tun?

Fragen an den Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Gunther Hirschfelder

 

PRO: Warum sind wichtige Feste beim Menschen immer mit besonderen Essen verbunden?

 

Gunther Hirschfelder: Gemeinsame Mahlzeiten stiften Vertrauen. Deshalb ist das gemeinsame Mahl – das Abendmahl legt davon beredtes Zeugnis ab – ein elementarer Baustein des Miteinander: Von der Steinzeit über die frühen Hochkulturen und die legendäre Tafelrunde des britannischen König Artus bis zum Staatsempfang von heute. Gerade in einer Zeit, in der sich gemeinsame Essen unter Arbeits- und Mobilitätsdruck kaum immer realisieren lassen, sind gemeinsame Mahlzeiten sonntags oder zu einem Fest unverzichtbar, um Gemeinschaft zu stiften und Zeit erfahrbar zu machen. Wenn wir zusammen essen, berühren wir unsere Herzen viel leichter.

 

PRO: Jesus hat mit Aussätzigen, Huren, Zöllnern und Sündern getafelt. Mit dem Abendmahl hat ein spirituelles Mahl gestiftet. Ansonsten ist wenig bekannt, was er mit wem, wann und wo gegessen hat, bekannt. Welche Funktion hat das Weihnachtsessen?

 

Hirschfelder: Das Weihnachtsessen ist Symbol für positive Tradition, für eine heile Welt von früher und für funktionierende Gemeinschaft. Aber wie alles in der Kultur unterliegt es stetem Wandel. Die große Symbolik, die wir ihm zumessen, ist dabei ziemlich neu. Natürlich kann man vom Gänsebraten eine Linie zum Heiligen Martin des frühen Mittelalters ziehen. Aber für die Bauern der Vormoderne war die Gans vor allem dasjenige Tier, das dem Grundherren im Spätherbst abzuliefern war. Zudem war Weihnachten ja bis ins 19. Jahrhundert ein Fest, das vor allem in der Kirche gefeiert wurde. Erst die Romantik des 19. Jahrhunderts hat das bürgerliche Weihnachtsfest im privaten Raum erfunden und damit auch weltlich gemacht. Die subtile Symbolik des Lebkuchenherzen, das für die Liebe Gottes steht, oder des Plätzchen-Sterns, der den Stern von Bethlehem symbolisiert, war damals noch im allgemeinen Bewusstsein. Aber auch heute noch kann das Weihnachtsessen ziemlich christlich sein. Aber nicht mit Kloß, Braten und Glühwein, sondern mit Zuversicht, Glaube und Liebe.

 

PRO: Wie hat sich die Esskultur an Weihnachten verändert?

 

Hirschfelder: Seit den frühen Christen war Ostern das wichtigste Hochfest, gerade auch kulinarisch: Gebildbrote und Eier waren die zentralen kulinarischen Elemente. Weihnachten begann seine große Festkarriere erst im 19. Jahrhundert. Wichtig war der Heilige Abend, der ja im katholischen Raum bis 1917 die vorweihnachtliche Fastenzeit abschloss und mit bewusst bescheidenem Essen begangen wurde. Herings- oder Kartoffelsalat spielten da eine besondere Rolle. Bei den Protesttanten, die nicht fasteten, beim Essen aber ohnehin karg präferierten, kamen gerne Würstchen dazu. Der erste Weihnachtsfeiertag war dann für das Feiern zentral. Auf den Tisch kam, was der Tradition und der Region entsprach und was die Landwirtschaft hergab. Erst allmählich kristallisierten sich Gans mit Rotkohl und Klößen oder ähnlichen Klassiker heraus. Attraktiv vor allem für all jene, deren Teller oft nur halb gefüllt war. Gemeinschaft und das Gedenken an die Geburt Jesu waren aber die zentralen Komponenten, das Essen wunderbares Beiwerk. Mit den Wohlstandsjahren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben sich die Verhältnisse verschoben. Viele feiern zu Weihnachten einen weltlichen Jahresabschluss und präsentieren auf dem Festteller sozialen Status und Konsumphantasien. Je pompöser die Tafel, desto schwächer der Glaube, könnte man denken. Aber die neuesten kulinarischen Events unterliegen Moden, sie kommen und sie gehen. Die Botschaft von der Rettung der Welt bleibt aber, und deshalb kann man als Protestant beruhigt feiern und auch lecker essen, nach den neuesten Trends oder traditionell.

 

Joachim Gerhardt Prof. Dr. Gunther Hirschfelder, vielfach bekannt als Experte in Funk und Fernsehen für alle kulturwissenschaftlichen Fragen rund um Essen und Ernährung, lehrt Kulturwissenschaften an der Universität in Regensburg, lebt in Regensburg und Bonn und ist Presbyter der Lutherkirchengemeinde Bonn.

 

 

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