Lieder

Fest der Liebe, Fest der Lieder

Ob „Stille Nacht“ oder „White Christmas“: Seit jeher löst Musik an Weihnachten tiefste Empfindungen in uns aus. Eine Reise durch vier Jahrhunderte.

„Es ist ein Ros entsprungen“

Dies ist ein Lied von 1599, das wir als frommes Erbe in uns transportieren, obwohl es uns knifflige Aufgaben stellt. Zum einen ist der Text reich an Metaphern, die nicht jeder entschlüsseln kann. „Aus Jesse kam die Art“ – das verweist auf den Stamm David. Maria ist offenbar ein Rosenstock. Und das Jesuskind ist ein Röslein, das im Winter aus dem Stamm des Rosenstocks treibt. Die Exegese der zweiten Strophe – wer ist da  eigentlich wer? – hat zu einem Dissens zwischen Katholiken und Protestanten geführt, in dessen Mittelpunkt wie so oft Maria, die Mutter Gottes, und das Phänomen der „Jungfrauengeburt“ stehen.  Zum anderen ist die Melodie zwar leicht zu behalten, sie beinhaltet aber einige Dehnungen, die nicht sofort ins Ohr gehen. Einige Liedzeilen wollen nicht zu Ende gehen, sie strecken sich, als wolle der Komponist die Nähe und doch Unerreichbarkeit Gottes symbolisieren. Michael Praetorius hat einen herrlichen Chorsatz dazu geschrieben, der zum Kernrepertoire jeder Kantorei zählt

„Kommet, ihr Hirten“

Dieses Lied ist einige Jahre jünger als „Es ist ein Ros entsprungen“, und es hat ebenfalls eine sehr raffinierte Melodie. Die ist nämlich sehr wiegend, schaukelnd, sie hat etwas Mütterliches, zumal mit ihren motivischen Wiederholungen.  Zum anderen ist die Harmonik der Begleitakkorde volkstümlich: Man kommt mit einer einzigen Harmonie aus, die man wie eine Dudelsackquinte unter die Melodie legen könnte. Das ist wie zugeschnitten auf die Hirten, die in diesem böhmischen Lied die Rolle der neugierigen Zeitzeugen übernehmen: Sie werden von den Engeln aufgerufen, von außen in die Krippe zu schauen. Das ist mit Furcht verbunden (deshalb die Aufmunterung „Fürchtet euch nicht!“), hat aber auch wunderbare  Perspektiven:  „Nun soll  es werden Friede auf Erden, den Menschen allen ein Wohlgefallen“. Auch dieses Lied besitzt eine lange ökumenische Tradition. Bei den Niederländern fand die Fassung „Komt nu gij herders“ 2001 Eingang ins neue Gesangbuch. Wer also über Weihnachten Urlaub am Meer macht, muss darauf nicht verzichten, wenn er in die Kirche geht.

„Driving Home for Christmas“

Dieser Song ist sozusagen eine Variante von „White Christmas“, es fehlt allerdings der Schnee. Das Gefühl der Sehnsucht nach Heimat und Geborgenheit in der Familie oder bei der/den/dem Liebsten ist übermächtig. Chris Rea schrieb es, 1986 wurde es veröffentlicht. Wie der Titel sagt, geht es um eine reale Autofahrt und um einen realen Verkehrsstau in der Vorweihnachtszeit. Rea erinnerte sich später, wie das Lied entstand: „Es war kurz vor Weihnachten. Meine Frau hatte mich aus London abgeholt, mit ihrem kleinen Auto, einem Mini. Aber es war ein furchtbarer Verkehr in der Stadt. Um mich herum sah ich all diese schlecht gelaunten Typen in ihren Autos. Und da fing ich einfach an zu singen.“ Im Internet kursiert ein beschauliches Video mit Reas souligcremiger Version und einer Fahrt durch eine Winterlandschaft, der Scheibenwischer steht auf Intervall. Wir wissen nicht, wo wir sind. Es herrscht allerdings Rechtsverkehr.

 

„Stille Nacht“

Es ist kein Weihnachten, wenn dieses Lied nicht erklingt. Es ist der Inbegriff der Volksfrömmigkeit, des Hymnischen, gleichzeitig auch des Innigen. Die Kostbarkeit des Glaubensinhalts leidet kein bisschen darunter, dass die langen Noten beim Singen manchmal sehr geleiert werden. Da tut es gut, sich ans Original zu erinnern, bei dem in der Melodie ein paar punktierte Notenwerte stehen, die den Fluss auflockern und beschwingen. Die Geschichte des Liedes ist aktuell wie nie: Es feiert in diesem Jahr ein denkwürdiges Jubiläum. Vor genau 200 Jahren kam es auf die Welt, in einer Begebenheit, die sozusagen ideal auf das Lied und seine Intimität passt. 1816 hatte es Joseph Mohr getextet, zwei Jahre später bat er Franz Xaver Gruber um die Vertonung. Uraufführung war Heiligabend in St. Nikola in Oberndorf im Salzburger Land, Mohr spielte dabei Gitarre. Von dort ging gleichsam ein Siegeszug des Liedes um die Welt. In den USA hielt man es über Jahrzehnte für ein amerikanisches Volkslied, bis Aufklärung erfolgte.

„White Christmas“

Ähnlich privat wie die Entstehung von „Stille Nacht“ muss es im Jahr 1940 bei „White Christmas“ zugegangen sein. Die Noten schrieb nämlich nicht  etwa der Komponist Irving Berlin nieder – der war, was Noten betraf, sozusagen Analphabet –, sondern dessen Sekretär. Berlin hatte sie nur im Kopf und auf den Lippen. Als er das Lied später dem Sänger Bing Crosby vorstellte, waren sie sich einig: „Das wird einer der besten Songs aller Zeiten!“ Vor allem ist dieser Song universell, was seine Einsatzfähigkeit betrifft. Er hat nämlich mit der theologischen Dimension von Weihnachten gar nichts zu tun. Hier ist Weihnachten ein Gefühl, bei dem sehnsüchtige Gedanken auf Reisen gehen. Hier erinnert sich jemand an glitzernde Baumkronen, an das Klingeln von Schlitten, an staunende Kinder, an Weihnachtskarten und -kugeln – und natürlich an Schnee. Zu dem Lied passt die Langsamkeit, mit der die Zeilen breit und intensiv ausgesungen werden. Die melodische Kurve ist ungemein zielgerichtet: Zweimal erklingt das hohe D, und in der letzten Zeile darf die Melodie sogar auf einem hohen Ton ausruhen.

„Do They Know It’s Christmas?“

Von diesem Lied gibt es ein Video mit einem aufrüttelnden Beginn: Eine tote junge Frau, leicht bekleidet um ihren dürren Körper, wird von zwei Männern in Leichenschutzanzügen aus einer Hütte getragen. Die sieht fast aus wie der Stall von Bethlehem. Die Szene steht symbolisch  für die Hungersnot in Äthiopien – und solche Bilder einer BBC-Reportage waren es, die Bob Geldof 1984 animierten, gemeinsam mit Midge Ure ein Lied über diesen unerträglichen Spagat des Lebens zu schreiben: Die einen feiern Weihnachten, während andere Hunger sterben. Es war ein Benefiz-Song, an dem sich etliche Künstler beteiligten, passend für die religiöse Dimension des Weihnachtsfestes. Und es war die Gründung eines Hilfsprojekts unter dem Titel „Band Aid“. Der Song selbst handelt davon, dass man bei aller Glückseligkeit seine Arme und seine Gedanken ausstreckten sollte zu den anderen, denen es nicht so gut geht wie uns.